Für die jeweiligen Materialien stehen unterschiedliche Ätzlösungen zur Verfügung. Oxidschichten werden in der Halbleiterindustrie mit Flusssäure HF geätzt:
SiO2 + 6HF→H2SiF6 + 2H2O
Die Lösung wird dabei mit NH4F gepuffert um die HF-Konzentration konstant zu halten. Bei einer Mischung aus einer 40-prozentigen NH4F-Lösung und 49-prozentigen Flusssäure (Verhältnis 10:1) beträgt die Ätzrate bei thermischem Oxid 50 nm/min. TEOS-Oxide werden mit ca. 150 nm/min und PECVD-Oxide mit ca. 350 nm/min deutlich schneller geätzt. Die Selektivität gegenüber kristallinem Silicium, Siliciumnitrid und Polysilicium ist wesentlich größer als 100:1.
Dass die Ätzrate so stark von der Herkunft des Oxids abhängt, ist dabei kein Nebeneffekt, sondern ein nützliches Werkzeug: Über die Ätzrate in gepufferter Flusssäure lässt sich umgekehrt die Dichte und damit die Qualität einer abgeschiedenen Oxidschicht beurteilen.
Eine kurze Behandlung in stark verdünnter Flusssäure, der HF-Dip, entfernt das natürliche Oxid, das sich auf jeder Siliciumoberfläche an Luft innerhalb kurzer Zeit bildet. Er steht deshalb vor vielen Prozessen, bei denen ein sauberer Kontakt zum Silicium nötig ist, etwa vor der Epitaxie, vor der Gateoxidation oder vor dem Aufbringen von Metall. Die Oberfläche ist danach mit Wasserstoff abgesättigt und damit wasserabweisend – sie perlt sichtbar ab. Da sich sofort wieder neues Oxid bildet, muss der nachfolgende Schritt zügig folgen.
Siliciumnitrid wird mit heißer Phosphorsäure H3PO4 bei etwa 160 °C geätzt. Dabei ist die Selektivität zu SiO2 jedoch mit 10:1 sehr gering. Bei Polysilicium wird die Selektivität zum Nitrid im Wesentlichen vom Gehalt der Phosphorsäure bestimmt. Um die Selektivität gegenüber Oxid zu erhöhen, wird der Lösung gelöstes Silicium zugesetzt, so dass sie bezüglich Siliciumdioxid abgesättigt ist und dieses kaum noch angreift.
Kristallines und polykristallines Silicium, werden zunächst mit Salpetersäure (HNO3) oxidiert, das Siliciumdioxid wird dann mit Flusssäure geätzt:
1. 3Si + 4HNO3→3SiO2 + 4NO + 2H2O
2. SiO2 + 6HF→H2SiF6 + 2H2O
Aluminium wird bei ca. 50 °C mit einer Mischung aus Phosphor-, Salpeter- und Essigsäure geätzt. Die Salpetersäure oxidiert das Aluminium, die Phosphorsäure löst das entstandene Oxid, und die Essigsäure setzt die Oberflächenspannung herab, damit die Lösung die Struktur vollständig benetzt und der entstehende Wasserstoff nicht als Bläschen haften bleibt. Titan wird mit einer Lösung aus Ammoniakwasser NH4OH, Wasserstoffperoxid H2O2 und Wasser (Verhältnis 1:3:5) geätzt. Da die Lösung auch Silicium angreift wenn das Peroxid verbraucht ist, ist die Standzeit der Lösung gering. Dieselbe Mischung dient in stärkerer Verdünnung als Reinigungslösung für die Scheibenreinigung.
Umgang mit Flusssäure
Flusssäure nimmt unter den Prozesschemikalien eine Sonderstellung ein und verdient eine ausdrückliche Warnung. Sie ist nur eine schwache Säure und verursacht auf der Haut zunächst kaum Schmerz, dringt aber tief in das Gewebe ein. Dort bindet das Fluorid das Calcium des Körpers, was zu Verätzungen bis in den Knochen und zu Störungen des Herzrhythmus führen kann. Beschwerden treten oft erst Stunden nach dem Kontakt auf, wenn der Schaden bereits entstanden ist. Der Umgang setzt daher entsprechende Schutzausrüstung, ein bereitliegendes Calciumgluconat-Gel und eine Unterweisung voraus – in der Fertigung wird Flusssäure ausschließlich in geschlossenen Anlagen gehandhabt.
Einordnung
Generell eignet sich das nasschemische Ätzen für das Abtragen kompletter Schichten auf einem Wafer. Die Selektivität von der zu ätzenden Schicht zu der darunter liegenden ist meist sehr gut, so dass keine Gefahr besteht falsche Schichten abzutragen. Zudem ist der Abtrag pro Zeiteinheit sehr hoch, in Tauchätzverfahren lassen sich viele Scheiben gleichzeitig ätzen. Bei kleinen Strukturen kann die Nassätzung jedoch nicht eingesetzt werden, da das isotrope Ätzprofil dafür nicht geeignet ist. In diesem Fall werden die Schichten mit Trockenätzverfahren anisotrop abgetragen.
Bei sehr feinen Strukturen kommt ein zweiter Grund hinzu, der nichts mehr mit dem Ätzprofil zu tun hat: Die Flüssigkeit muss am Ende wieder von der Scheibe herunter, und genau dabei können die freigelegten Strukturen zerstört werden.